Sokrates Sokrates
Ja, antwortete er, das folgt mit der größten Notwendigkeit, lieber Sokrates. Und doch haben wir, warf ich ein, die größte Notwendigkeit noch nicht vorgebracht! Welche denn? fragte er. Die, welche jene Staats-Schulmeister und Sophisten durch Tätigkeit hinzufügen, wenn sie mit Worten nicht überreden können. Oder weißt du nicht, dass sie den, der ihnen nicht folgt, mit Verlust der bürgerlichen Ehren, mit Geld- und Todesstrafen züchtigen? Ja, meinte er, ich kenne sie gar wohl! Welcher andere Sophist oder welche häuslichen Belehrungen können nun wohl jenen das Gegengewicht halten, um darüber obzusiegen? Ich glaube, keiner, antwortete er. Freilich nicht, fuhr ich fort, und es nur zu wagen verriete schon einen großen Unverstand. Denn es geschieht nicht, geschah nicht und wird auch wohl nicht geschehen, dass es eine andere Denkweise in Absicht auf Tugend gebe als die, welche durch die Anleitung jener Staats-Schulmeister eingepflanzt wird, versteht sich, nach dem gewöhnlichen Gange menschlicherweise, mein Lieber; die außerordentliche Fügung eines Gottesfingers, wie man zu sagen pflegt, nehmen wir bei unserer Behauptung freilich aus; denn wohlgemerkt, wenn du behauptest, das, was sich unter solchen Verfassungen noch rette und zur gehörigen Vollkommenheit gelange, habe die besondere Fügung eines Gottes gerettet, so wäre diese Äußerung gar nicht so ungereimt. Freilich, sagte er, und ich habe eigentlich auch gar keine andere Meinung. Nun denn, sprach ich, so musst du ferner nebst dem auch noch folgende Meinung haben ... Was für eine? Dass ein jeder der um Geld lehrenden privaten Lehrer, die jene »Sophisten« nennen und für Gegner ihres Treibens halten, nichts anderes in seinem Unterrichte verbreitet als eben nur jene Grundsätze der politischen Volksmenge, über die sie in den Versammlungen salbadert, und dies dann Staatsweisheit nennt. Dies gemahnt einen dann gerade so, wie wenn jemand bei Haltung einer ungeheuren und starken Bestie ihre Leidenschaften und Begierden in der Hinsicht kennen lernte, wie man ihr näher treten und wie man sie antasten dürfe, wann sie am wildesten oder am zahmsten sei und aus welchen Gründen, sowie unter welchen Bedingungen sie gewöhnlich Töne hören lasse, und auf welche Töne eines anderen sie besänftigt und aufgebracht werde; und wenn er alles dies dann durch Beobachtung und Zeitaufwand erlernt hätte, es dann Wissenschaft hieße, in eine wissenschaftliche Form brächte und hinsichtlich dieser Lehrsätze sowohl wie jener Neigungen ohne gründliche Kenntnisse der eigentlichen Begriffe von Schön oder Hässlich, von Gut oder Schlecht, von Gerecht oder Ungerecht doch alle diese Ausdrücke von den Sinnesarten des ungeheuren Tieres brauchte, indem er das gut hieße, was diesem Vergnügen machte, und das schlecht, worüber es aufgebracht würde, dabei aber sonst gar keine andere innere vernünftige Begründung geben könnte, als dass er die unbedingten Naturbedürfnisse gerecht und schön hieße; aber von dem großen Unterschiede zwischen dem eigentlichen Naturtriebe und dem wahrhaft Guten weder eine klare Ansicht bekommen hätte noch ihn einem anderen zeigen könnte. Würde bei solchem Verfahren, bei Zeus, einer dir nicht als ein entsetzlicher Lehrer vorkommen? Ja, mir wenigstens, sagte er. Wäre aber wohl nun ein Unterschied zwischen diesem und jenem, der es für Weisheit hält, der vielköpfigen und bunten Volksmenge bei ihren Zusammenkünften ihre Leidenschaft und ihre Gelüste abgemerkt zu haben, sei dies nun in der Malerei oder in der Musik oder in der Staatsweisheit, mit welcher letzteren es natürlich hier dieselbe Bewandtnis hat wie mit jenen Künsten? Denn eine ausgemachte Sache ist das: wenn jemand sich mit jener Menge abgibt und vor ihr entweder mit einer Dichtung oder sonst mit einem Kunstwerke oder in einem Staatsdienste auftritt und außer den ihn ohnehin schon beengenden Natureinflüssen sich auch noch dem Einflusse des Pöbelurteils unterwirft, so gebietet ihm dann die sprichwörtlich gewordene Notwendigkeit des Diomedes, nur solche Leistungen zu liefern, die den Beifall der Menge erhalten können; aber dass diese Leistungen sich auf das ewig Gute und Schöne gründeten, hast du darüber schon einen eine andere Rechtfertigung geben hören, die nicht lächerlich gewesen wäre? Ja, ich glaube es, versetzte er, und ich werde auch keine hören, die es nicht wäre. Nachdem du nun alle diese Ursachen vom Verderben wahrhaft wissenschaftlicher Anlagen beherzigt hast, so bedenke auch noch diese Ursache unter Erinnerung an das, was schon oben angedeutet wurde: Das Schöne an sich und nicht die sichtbare Mannigfaltigkeit von Schönheiten, oder überhaupt jedes Ding an sich und nicht die sichtbare Mannigfaltigkeit von Dingen, - kann möglicherweise das der große Haufen je annehmen oder daran glauben? Durchaus nicht, sagte er. Wahrhaft wissenschaftlichen Sinn kann also, sagte ich, die Masse unmöglich haben. Unmöglich. Die wahren Freunde der Wissenschaft müssen demnach auch notwendig von ihnen getadelt werden. Notwendig. Und dann natürlich auch von den gemeinen Pfuschern in der Wissenschaft, die sich mit dem Pöbel einlassen und ihm zu gefallen suchen? Versteht sich. Schon bei diesen hier erwähnten Gefahren siehst du irgendeine Möglichkeit, dass eine wahrhaft wissenschaftliche Natur sich retten, bei ihrem Berufsgeschäfte standhaft verbleiben und zum Ziele kommen könne? Betrachte die Sache aber noch weiter aus dem zweiten der oben angedeuteten Gesichtspunkte: Wir waren doch bekanntlich einverstanden, dass die Eigentümlichkeit der erwähnten echt wissenschaftlichen Natur in den Anlagen zu Gelehrigkeit, einem guten Gedächtnisse, Männlichkeit, Hochherzigkeit bestehe. Ja. Wird nun ein Mensch von solchen geistigen Vorzügen nicht von Jugend auf unter allen seinen Gespielen in allen Stücken der erste sein, besonders wenn auch seine Körpergestalt seinem Geiste entspricht? Ja, ohne Zweifel, sagte er. Da werden denn, denke ich, schon Wünsche gehegt werden, ihn einst, wenn er einmal älter wäre, zu ihren Plänen zu gebrauchen, von Verwandten sowohl wie von Mitbürgern. Jedenfalls. Sie werden also auch ihm demütiglich Bitten zu Füßen legen, tiefe Bücklinge machen und so seine hoffentlich einflussreiche Stellung der Zukunft durch frühzeitige Schmeicheleien schon im Voraus in Beschlag nehmen. Ja, sagte er, so geht es gern. Wie wird nun, fuhr ich fort, ein solcher unter solchen Umständen sich benehmen, besonders wenn er Bürger einer großen Stadt ist, darin die Rolle eines reichen und vornehmen Mannes spielt, dazu noch wohlgestaltet und schlank gewachsen ist? Wird er da nicht von einer unbegrenzten Hoffnung erfüllt werden und die Meinung von sich haben, dass er nicht nur die Gebiete der Hellenen, sondern auch die der Barbaren zu regieren imstande sein werde? Wird er unter diesen Umständen sich nicht übermütig erheben, sich in die Brust werfen und den Kopf voll Eitelkeit und leeren Dünkels ohne Verstand haben? Ja, sicher, sagte er. Wenn zu einem Menschen in diesem Zustande jemand nun ganz friedlich hinträte und ihm die Wahrheit sagte, dass er kein Hirn im Kopfe habe; dass er noch einer tieferen Einsicht bedürfe, diese aber nicht zu erwerben sei, wenn man nicht um ihren Besitz wie ein treuer Knecht sich bemühe, - glaubst du, dass seine von so vielen Übeln umlagerten Ohren hierauf leicht hören würden? Weit gefehlt, sagte er. Wenn nun aber auch, sprach ich, einer vermöge ganz vorzüglicher Anlagen und wegen seiner Neigung zu wissenschaftlichen Forschungen darauf merkte, zu Studium gelenkt und hingezogen würde: was tun da wohl jene, die dadurch glauben, seine Dienste und seinen freundschaftlichen Verkehr zu verlieren? Werden sie nicht jedes mögliche Mittel aufbieten, jede mögliche Überredung anwenden einmal in Bezug auf seine eigene Person, damit er ja nicht sich bereden lasse, und dann auch in Bezug auf jenen Wahrheitsprediger, damit er nichts ausrichte, indem sie diesem letzteren im Privatleben Schlingen legen und ihn bei der Staatsbehörde in gefährliche Prozesse stürzen? Ja, ganz notwendig, sagte er. Gibt es nun eine Möglichkeit, dass ein solcher zur wahren Wissenschaft gelangen kann? Durchaus nicht. Siehst du nun, fuhr ich fort, dass wir nicht ohne Grund die Behauptung aufstellten: gerade die einzelnen Bestandteile der Anlage eines wissenschaftlichen Kopfes seien gewissermaßen eine Hauptursache des Abkommens vom Studium, wofern sie nämlich in verkehrte Pflege geraten; die zweite Hauptursache davon seien die sogenannten Güter: Reichtum und überhaupt die ganze Herrlichkeit dieser Welt? Freilich nicht ohne Grund, sondern die Behauptung hatte ihre Richtigkeit, erwiderte er. So groß und von der Art, mein Bester, sagte ich, ist also denn die Gefahr und das Verderben der edelsten und für die edelste Beschäftigung bestimmten Naturanlage, die nach unserer Aussage ohnehin schon so selten ist. Und aus den Individuen dieser Art gehen nun bekanntlich für die Staaten wie für die einzelnen Bürger die größten Übeltäter hervor, wie auch die größten Wohltäter, wenn sie durch besonderen glücklichen Zufall diese letztere Richtung nehmen; ein armseliger Kopf dagegen fügt keinem etwas Großes zu, weder einem Bürger noch einem Staate. Sehr wahr! sagte er. Während nun einerseits diese auf jene Weise entarteten Abtrünnigen der wahren Wissenschaft, deren nächste Angehörige sie ist, eben darum, weil sie sie sitzen und im Stiche lassen, ihrerseits kein ihren Anlagen entsprechendes, wahres Leben fuhren, drängen sich ihr, wie einer von ihren nächsten Verwandten verlassenen Waise, andere. Unberufene aufgrund hängen ihr dann dadurch solche Schmach und Schande an, wie sie deiner Aussage nach von ihren Anklägern vorgeworfen werden: von denen, die sich tiefer mit ihr einließen, wäre ein Teil zu nichts nütze, der größte Teil sogar verdiente das größte Unglück. Ja, versetzte er, das sind die Äußerungen, die getan werden. Und sie werden ganz mit Recht getan, erwiderte ich. Wenn nämlich andere Menschenkindlein sehen, dass dieser Platz leer steht und schöne Titel und Würden mit sich bringt, so springen, wie die Zuchthäusler in die heiligen Freistätten entlaufen, ebenso freudig aus ihren Alltagsberufen in den Bereich der Wissenschaft alle jene, die etwa im beschränkten Kreise ihres ursprünglichen Handwerks die Nase etwas hoch tragen. Denn der Wissenschaft, wenngleich sie im erwähnten schlimmen Zustande sich befindet, bleibt doch, wenigstens im Vergleich zu den übrigen Professionen, noch ein Ansehen übrig, das alle überstrahlt. Danach trachten nun bekanntlich die meisten, obgleich sie erstlich schon von Natur unvollkommene Anlagen haben und dann auch unter dem Drucke ihrer Berufe und Handwerke infolge der Stubenhockereien ebenso hinsichtlich ihrer Seelen zusammengeschrumpft und ausgemergelt sind, wie sie auch schon am Körper die Zeichen der Verkrüppelung tragen; oder ist das nicht eine notwendige Folge? Ja, sicher, sagte er. Und welche nun von dieser ohnehin geringen Anzahl wohlgeraten sind und einmal gekostet haben, wie süß und herrlich die Sache ist, und welche andererseits die Tollheit des souveränen Pöbels sehen, ferner sehen, dass niemand, um es geradeheraus zu sagen, in den Staatsangelegenheiten etwas mit gesundem Menschenverstande treibt, und dass es auch keinen zweiten Mann gibt, mit dem man zum Schutze der gerechten Sache mit heiler Haut ausziehen könnte, sondern dass man wie ein unter wilde Tiere geratener Mensch, ohne den Willen, mitzusündigen, oder ohne die Kraft, allen Ungetümen Widerstand zu leisten, noch vor einer Dienstleistung gegen den Staat oder seine Freunde zugrunde geht, ohne Nutzen für sich und die übrigen, - wer, sage ich, alle diese Umstände in vernünftiger Überlegung zusammenfasst, wird ganz in der Stille leben, nur seine eigenen Angelegenheiten besorgen und - wie einer, der beim brausenden Sturme einer Staubwolke oder eines Platzregens sich unter Dach gestellt hat - beim Anblicke der übrigen im Schmutze eines zügellosen Treibens sich in der Seele freuen, wenn er nur das Leben hienieden rein von Ungerechtigkeit und frevelhaften Handlungen vollbringen und von ihm mit guter Hoffnung, heiter und guten Mutes Abschied nehmen kann. Und gewiss, versetzte er, hat er dann nichts Geringes erkämpft, wenn er so scheiden kann. Und doch auch nicht das Allergrößte, sprach ich, weil ihm nicht das Glück einer seinen Anlagen entsprechenden Staatsverfassung zuteil ward; denn in einer entsprechenden Staatsverfassung würde er sich selbst noch mehr vervollkommnet und nebst dem Heile seiner eigenen Seele auch das des Staates bewirkt haben. Quelle: Platon, Gesammelte Werke, Der Staat, Sechstes Buch
… über den Staat
Fontane Fontane
1876 legt Theodor Fontane nach nur wenigen Wochen mit einem Eklat das Amt des Ersten Sekretärs der Akademie der Künste nieder. In diesem Moment endet für den inzwischen 56-Jährigen ein Lebensabschnitt, den er selbst ungeachtet erster literarischer Erfolge als Befreiung aus Abhängigkeit und Demütigung in seinem fast lebenslangen Ringen um Selbstverwirklichung seiner persönlichen Lebens-vorstellungen empfindet. Er formuliert es in einer auch heute noch auf viele Facetten der aktuellen Politik sowie deren Sprache und Ausübung übertragbaren Weise: …Aber was ich seit 14 Tagen nun wieder erlebt, zeigt mir, wie richtig meine ersten Eindrücke waren. Es ist ein durch und durch verloddertes, unsagbar elendes, von einem anständigen Menschen gar nicht zu tolerierendes Institut. Ich sehe ganz klar, wie es geändert werden könnte, aber zu dieser Änderung wird es auch nicht kommen, weil das Ministerium in seiner dummen Knickerei, in seiner unfreien Behandlung aller dabei in Betracht kommenden Fragen, an dem Jammerzustand geradeso viel Schuld trägt wie die Akademie selbst. Ich ersehne den Moment, wo ich aus dieser wichtigtuerischen Hohlheit, aus diesem Nichts, das mit Feierlichkeit bekleidet wird, wieder heraus sein werde. Dinge, Personen, Zustände sind alle gleich unerquicklich. Ich passe in solch dummes Zeug nicht hinein und will mich lieber weiter quälen. Eine gute Theaterkritik, um das Kleinste herauszugreifen, ist viel, viel besser als diese Reskripte-Fabrikation, bei denen ich noch nichts Erfreuliches habe herauskommen sehn. Übrigens spreche ich über diese Dinge zu niemand, am wenigsten in diesem Ton. Die Welt verlangt nun mal ihre Götzen. Meinetwegen, wenn ich sie nur nicht mitanzubeten brauche.