Und täglich grüßt das Murmeltier… Leserbrief an die Zahnärztezeitschrift dens
…Aber was ich seit 14 Tagen nun wieder erlebt, zeigt mir, wie richtig meine ersten Eindrücke waren. Es ist ein durch und durch verloddertes, unsagbar elendes, von einem anständigen Menschen gar nicht zu tolerierendes Institut. Ich sehe ganz klar, wie es geändert werden könnte, aber zu dieser Änderung wird es auch nicht kommen, weil das Ministerium in seiner dummen Knickerei, in seiner unfreien Behandlung aller dabei in Betracht kommenden Fragen, an dem Jammerzustand geradeso viel Schuld trägt wie die Akademie selbst. Ich ersehne den Moment, wo ich aus dieser wichtigtuerischen Hohlheit, aus diesem Nichts, das mit Feierlichkeit bekleidet wird, wieder heraus sein werde. Dinge, Personen, Zustände sind alle gleich unerquicklich. Ich passe in solch dummes Zeug nicht hinein und will mich lieber weiter quälen. Eine gute Theaterkritik, um das Kleinste herauszugreifen, ist viel, viel besser als diese Reskripte-Fabrikation, bei denen ich noch nichts Erfreuliches habe herauskommen sehn. Übrigens spreche ich über diese Dinge zu niemand, am wenigsten in diesem Ton. Die Welt verlangt nun mal ihre Götzen. Meinetwegen, wenn ich sie nur nicht mitanzubeten brauche.“ Fontanes Zitat prangt mich von unserer Homepage an. Er schrieb es 1876, als er nach nur wenigen Wochen seine Tätigkeit als erster Sekretär der Akademie der Künste zu Berlin mit einem Eklat niederlegte. Ich dagegen lege mich um 7.30 Uhr nieder in der Ecke unterm Tisch vor meinem Switch, von dem mich dutzende blinkende Lämpchen angrinsen. Im Geiste verbunden bin ich in diesem Moment mit Kollegin Silke Neubert aus Schwerin (dens 12/20): „Morituri te salutant.“ In unserem VPN-Tunnel ist mal wieder Stau. Mir fehlen gelbe Felder im eGK und mein Telefon süffisiert „Kein Anschluss während dieser Nummer…“. Ich gebe alles, obwohl Montag ist und wir alle mal wieder schlecht geschlafen haben: Server und Client werden neu gestartet, das Lesegerät mehrfach resetet, der Konnektor stromlos gesetzt und sicherheitshalber auch der Router. Die Technik quält sich nur mühsam in den Tag nach diesem dritten Wiederbelebungsversuch. Trotzig versucht der Konnektor letzten Widerstand: `VPN-Fehler 0815. Bitte kontaktieren Sie Ihren Anbieter.` Nö, ich mag jetzt nicht keinen Bock auf Warteschleifen und Unzuständigkeiten! Schaue lieber nochmal zaghaft auf die gelben Felder des eGK: Mein Glückstag – sie leuchten! Im VPN-Tunnel scheint zumindest der Standstreifen wieder frei zu sein… Beseelt versuche ich, meine Mails abzurufen und blicke auf die Uhr: 08.02 Uhr. Holy shit! Die 320 Mann (und Frau! sorry, 2x sorry das mit dem Genderdings kriege ich als alterndes Deutschlehrerkind wohl nicht mehr hin) starke Kreisverwaltung auf der anderen Straßenseite ist nun doch schon aufgewacht und mailiert ebenfalls. Die letzten Bites stehlen sich aus meiner Leitung und der Browser verharrt in Totenstarre. Naja, irgendwann halten die Mittagsschlaf… Dann bricht die Sintflut los: Bestellpatienten in der Menge einer vollen Busladung, dass ich denke, Mädels, ich hab euch doch lieb, aber ich bin bitte keine 20 mehr, und als Gratiszugabe zerbrochene Prothesen sowie Schmerzpatienten, die schon drei Tage das Gesicht verzerren und ihre akut apikale Parodontitis bis zum Durchbruch pflegen. `Nee, zu einem anderen Doktor gehen wir nicht.` Würde ich auch nicht machen. Wer weiß, mit welcher Demotivation der/die Notdiensthabende in defizitärer Stimmung und gordischer Verknotung von Verwaltungsdiktaten versucht, in aller Illegalität die Lex so zu beugen, dass aus der Hoffnungslosigkeit das Machbare gequetscht wird. Ich verneige mich hier in Dankbarkeit vor unserem Kollegen Dr. Mathias Kühn in Bad Doberan für seinen ehrlichen und treffsicheren Aufsatz zum Thema Notdienst in dens 12/20 und resümiere das prekäre Honorarergebnis meines letzten Notdienstes mit einem Wochenend-Bruttostundenlohn von 76,62 für in der Sprechzeit tätige drei Personen incl. Zahnarzt sowie die 119 unbezahlten Stunden der Bereitschaft über die Woche hinweg. Gleichzeitig beschleicht mich ein unbändiges Neidgefühl gegenüber meinem hausärztlich tätigen Freund, der sein Geld kassenvertragsoptimiert im (Bereitschafts)Schlaf verdient. Diese kurze emotionale Entgleisung wird von meiner Erinnerung niedergestreckt, das Notdienstproblem bereits im Sommer 2019 in einem wiederholten Schreiben an die Kammer thematisiert zu haben, da sich in unserem mittlerweile völlig unterversorgten ländlichen Nordwestmecklenburg die Notdienstspirale mit rasanter Geschwindigkeit zu drehen begann. In einem damaligen Telefonat mit dem zuständigen Kammerkollegen äußerte ich ebenfalls meine rechtlichen Bedenken zur 24/7-Regelung. Der EuGH hatte vor Jahren die wiederholte Abfolge des Sprechzeit-Notdienstbereitschafts-Marathons für Krankenhausärzte untersagt. Naja, mag sein, dass der eine oder andere Entscheider gegen uns den bismarckschen Spruch `Mecklenburg-Weltuntergang-50 Jahre später` bildungstechnisch wortwörtlich genommen hat und den Zustand glaubhaft für unveränderbar erklärte. Schließlich war die Bibel nach ihrer Neufassung im Jahre siebenhundertnochwas auch nicht mehr das, was sie mal war. Und okay, dann fiele mir noch das Dingsda mit den nicht lebensbedrohlichen Zuständen ein und die Einordnung durch das System, nicht systemrelevant zu sein. Aber wir wollen mal nicht so kleinlich sein. Jedenfalls zeigte sich der Verantwortungskollege in Kenntnis der Sachlage und ja, man würde um eine Lösung ringen. Man ringt seit (mindestens) 18 Monaten. Aber auch das kann schließlich mal untergehen bei der querulativen Beschäftigung von Kammerteilen mit sich selbst, bei deren toller Außenwirkung und wahnsinniger Alltagsmotivation für mich selbst schon lange so kein Verständnis mehr aufkommen kann... Die alte Frau M. sitzt auf dem Stuhl. Sie hat unterminiert! Schmerzen. 35 muss ex. Beim Medikamentenplan wird mir schlecht. Aber ehrlich, mir war schon schlechter. Es gab auch schon 15 verschiedene Medikamente, drei unterschiedliche Verordner und - mein Gott manch einer kann sich bei der Menge wirklich sein Frühstück sparen. Da bin ich doch zahnarztfroh, die meisten Sorgen sofort und händisch erledigen zu können. Doch der Frohsinn hält nicht lange: `Blutverdünner? Ja! Hab ich heute aber mal abgesetzt. Wie der heißt? Na so rosa Pillen. L, L…` Meine Motivation wankt. Ich frage nach dem Hausarzt und das Leiden nimmt kein Ende: MVZ mit hard- und softwareentnervten Schwestern sowie unerreichbaren Ärzten. Und das Klingeln meines Telefonanrufs verhallt natürlich im Nirvana. Mit schlechtem Gewissen rufe ich meinen eigentlich unbeteiligten, bereitschaftsgeschlafenen Hausarztfreund an, kann die Situation klären und extrahiere. Vorher quatsche ich trotz meiner sonst verbalen männlichen Zurückhaltung Omi M. frustrativ energiegeladen die Ohren so voll, dass ich eigentlich keine Injektion mehr brauche. Sicherheitshalber lasse ich sie noch 30 Minuten ein Sprechzimmer blockieren und entschärfe mehrfach die Nebenkriegsschauplätze in den zwei anderen. Während meiner einsetzenden Kurzatmigkeit holt mich meine eine Assistentin beiseite. Gestern Teambelehrung. Die nette Dame von der TECOM war wieder da. Teambelehrung ist gut. Arbeiten zwar alle schon 20 und mehr Jahre im Job, aber man kann ja was vergessen. Nee, nicht weil wir älter werden. Die Festplatte ist voll. Gut, dass wir jetzt wieder wissen, wo links und rechts ist. Wird zwar was anderes gelöscht, Plattenkapazität ist ja nicht ein endloses Universum, aber macht nix. Ach ja, und wir brauchen noch einen Feuerlöscher. Der im Keller und der im Dachgeschoss reichen nicht. Erdgeschoss muss auch. Und einer muss noch Brandschutzhelfer machen, Ausbildung inklusive, es sei denn, er arbeitet bei der Freiwilligen Feuerwehr. Na, ich habe zwar fast den ganzen Tag Blaulicht am Hacken, aber für die Feuerwehr habe ich keine Zeit. Nur zum Spenden. Wer weiß, wozu es gut ist. Die haben ja auch schon so ihre Lücken. Schnell schnappe ich mir einen Zettel. ‚Feuerlöscher‘ schreibe ich, bevor die Restkapazität in meinem Zwischenspeicher eliminiert ist durch die Verantwortlichkeiten meiner anderen Karrieretitel "Röntgen-", "Laser-", "Hygiene-", "DSGVO-", "QM-", "Arbeits-" und "Leiter-" Schutzbeauftragter neben der Tätigkeit als Unternehmer, Arbeitgeber und ein bisschen noch Zahnarzt. Ich fühle mich wie ein Streifenhörnchen: mit beiden Beinen schon im Knast... In der Kaffeepause werde ich zum Tee degradiert. Massive Herzrhythmusstörungen und Palpitationen - seit sechs Monaten, seit der wiederholten Auflage PAR-Wirtschaftlichkeit. Mit 55 Jahren, da fängt der Kasper an oder wie meinte das Udo Jürgens? Nach Mehrfach-EKG`s und buntem (extra liquidiert!) Herzecho sagt der Kardiologe zu mir, es sei nichts erkennbar. Alles junges, festes Fleisch, zarte Klappen. Ich solle jetzt mal wieder die Yoga- und Meditationsübungen aus meiner Burn-out-Zeit reloaden. Mache ich, aber der kleine Zappelphilipp in meinem Inneren lässt nicht mit sich reden. Also die harte Tour: Betablocker und die Erkenntnis, mal wieder nur am Symptom, nicht aber der Ursache arbeiten zu können. Hier fällt mir ein, dass ich Ihnen noch ein kurzes Coming- out zumuten muss. Ich habe mich schon in dens 7/18 echauffiert und dabei queruliert. Zaghaft nippe ich an meinem Tee und öffne die Post. Ein Freudenschauer zieht über meinen Körper. Die AOK hat nach fünf Monaten die Bruchreparatur einer Frontzahn-Interimsprothese bei einem betreuten 18jährigen Härtefallpatienten genehmigt. Die Härtefallregelung muss jetzt alle sechs Monate neu beantragt werden. Mit der Globalisierung endet die Präsenz der Kassen vor Ort und ergießt sich in Unerreichbarkeit, Anonymität und Unzuständigkeiten. In endlosen Bandansagen und Warteschleifen verrinnt meine Lebenszeit bei wiederholten Schilderungen zwischen Krankenkasse, Patient und Betreuerin für 28 € und ein paar Zerquetschte Honorar :(. Prothese haben wir natürlich gleich repariert, aber erzählen Sie`s nicht weiter. Wir sind schon regressiert. Apropos Regress. Beim nächsten Brief droht der kleine Herzkasper in mir zum Zampano zu mutieren und mein Brustbein von innen zu zertrümmern: Prüfungsstelle! Vor zwei Wochen saß mein altersweiser Vater vor mir. Er hatte Tränen in den Augen als er um Worte rang. Habe ich nur zweimal in meinem Leben gesehen. Er bat mich, meinen Widerspruch zum vorhergehenden Regressbescheid (AOK, PAR-OPG, 2700 €, vier Jahre Laufzeit) zurückzuziehen. Es war Angst um meine Gesundheit. Habe ich getan, nicht aus Überzeugung. Der kleine Kasper hämmert: ungerecht, ungerecht. Es war nur eine kurze Illusion der Ruhe, nachdem uns auch die DAK seit einigen Jahren mit den gleichen Geschützen und einer Endlosschleife von Planungsgutachten niederzumetzeln versucht. Ich zweifle an mir. Ich kann den Widerspruch zwischen dem verantwortungsvollen Einsatz von Röntgenstrahlung, der zur Pflicht erhobenen Richtlinie des Alters eines PAR-OPG‘s von nicht mehr als sechs Monaten und dem indirekten Verlangen der Kassen, die Erbringung von Kassenleistungen (PAR) an den gesetzlich nicht erlaubten Vollzug der Kopplung mit vorbereitenden Privatleistungen (Indizes, GOZ 1000, 1010, 1040) nicht lösen. Die meisten Patienten kenne ich fast mein ganzes Zahnarztleben lang und einigen müsste ich die notwendige Behandlung verweigern, weil sie das vor- und nachbereitende Prozedere nicht honorieren oder durch Arbeitsstress nicht peinlich genau einhalten können oder andere, menschlich nachvollziehbare Gründe haben. Keine Chance (trotz vorheriger Genehmigung!), ob mit oder ohne Erklärung, die Prüfungsstelle besteht auf ihrem Liebesentzug. Nicht nur mein Herz blutet. An dieser Stelle Dank an den Kollegen Bartelt aus Spantekow für seine Ausführungen zu diesem Thema in dens 3/21. Ich zweifle weiter. Meine Frau hat vor zwei Jahren ihre Kassenzulassung halbiert. Ihre Titanschrauben in Höhe L4/L5 lassen sie jeden Tag aufs Neue an ihre Grenzen stoßen. Ich kann nicht mehr kompensieren. Das Drehmoment der Alltagsspirale hat eine Geschwindigkeit erreicht, die mich mehr als wanken lässt. Als wir uns 1994 niederließen, lag der Versorgungsgrad in NWM bei ca. 96%. Wir waren damals der einzige Bereich unter 100 Prozent, heute sind es neun von achtzehn. Ich schaue mir die Zahlen von NWM im Detail an: 9/19 81,3%, 3/20 79,8%, 9/20 73,8%. Zum Quartalsende schließt eine weitere Doppelpraxis, noch wieder andere sind auf dem Absprung. Schätze, Mitte 21 liegen wir bei deutlich unter 70%. Zum Beginn der Pandemie stürzten auch im vorpommerschen und Müritzkreis die Zahlen um bis zu über 12% innerhalb von drei Monaten. Die 30 Jahre alten Richtgrößen kaschieren dabei noch ein ganz anderes Problem: 1994 lag das Verhältnis Arbeit am Patienten zur Administrative bei 80:20, heute bei 50:50. Das allein generiert schon ein deutliches Unterversorgungsproblem - natürlich nicht politisch. Nach churchillscher Statistenmanier erfolgt ein kurzer Lageblick erst ab 50% und fallend, Reaktion - wenn überhaupt - wahrscheinlich erst bei null, wenn die letzten Kolleg*innen (Heureka! Ich hab`s gefunden!) verschlissen sind. Na, die meisten Verantwortlichen in gehobenen auch politischen Funktionen (in Gesamt- sowie Ostdeutschland separat sind es nach unterschiedlichen Studien zu 75 bis knapp 99% Westdeutsche) haben neben fehlendem Realitätssinn ohnehin keinen Biss mehr. Nur Herr Glawe, der hatte, zumindest Ende 2017 bei einem netten Plausch in unserer Praxis mit Kaffee und Kuchen (unter 20 €, wegen der Korruption ich schwör`s!). Danach nicht mehr. Meine zwei nachfolgenden Schreiben sind ihm wohl so zu Herzen gegangen, dass er nicht mehr die Kraft hatte zu antworten. Ja, und weil ich so gerne Briefe schreibe, denn wer schreibt, der bleibt (manchmal auch nicht mehr, wenn man zu doll schreibt…), habe ich doch gleich mal teils mehrere Frontberichte an Frau Merkel und die Herren Spahn, Lauterbach und Mohnstadt gesendet (ich traue mich noch, Herrn Bartsch zu erwähnen). Ich wollte nicht mehr auf die unbestrittenen Bemühungen unserer immer noch idealistisch agierenden Vertretungen warten, deren Stoßgebete zwar eine kleine Mine beräumten, aber drei große Haufen nach sich zogen. Trotz des Gefechtsrauchs und der Granatsplitter in meinem Alltag blieb ich in meinen Schreiben erzogen sachlich. Ich gewann dabei, allerdings einzig an Erfahrung bez. der Antworten: 80% blieben ohne, 15% ergossen sich in allgemeinen Bla-bla- Textbausteinen und 5% in monstädtischer Stimmengewaltigkeit: Der CDU-Bundestagsabgeordnete und ausgewiesene Gesundheitsexperte (zu letzterem stilisierte man auch Karl Lauterbach) Dietrich Monstadt von seiner Hompage prominieren Sprüche wie `Ihr Mann aus MV`, `Für Sie im Bundestag`, `Stark für Mecklenburg`, `Ihr Gesundheitspolitiker in Berlin` und `Wir sind für Sie da`… - ja, Herr Monstadt antwortete, per Telefon. In einer beeindruckenden Korrektheit erklärte er mir so lange, dass NWM nicht zu seinem Wahlkreis gehöre, bis ich in meiner Benommenheit fast schon bereit war, meiner Mitgliedschaft in der nordwestmecklenburgischen Einwohnergilde abzuschwören. Nur mit großer Mühe und unter meinem kläglichen Eingeständnis, mir bisher keinen eigenen CDU- Gesundheitsexperten leisten gekonnt zu haben, erreichte ich sein Zugeständnis, einer Versammlung aller Heilberufe in Grevesmühlen beizuwohnen. Fast ein Jahr lang danach bemühten sich Stadtverwaltung und Bürgermeister vergeblich um Einigung auf einen Termin mit dem Bundestagsbüro des Politikers. Zwei weitere Schreiben von mir an ihn blieben unbeantwortet. Las ich nicht kürzlich in der `zm` sein Interview mit der Aussage, er kenne keine Zahnärzte mit Problemen? Da hat er doch wirklich die Wahrheit gesagt! Und die Plebs behauptet immer, Politiker erzählten die Unwahrheit! Naja, zumindest desavouiert sich die CDU derzeit selbst und lässt sich durch maskenhafte Skandale abwählen. Quis custodiet ipsos custodes? Der Kognitionsforscher Prof. Rainer Mausfeld von der Universität Kiel hat solches Gebaren von Verwaltungen und Verantwortlichen (vor 1989: Apparatschiks Anm. d. Red.) einmal als `strukturelle Gewalt` bezeichnet. Ich empfehle sein Werk ‚Angst und Macht‘. 114 Seiten, hat man in ein paar Kaffeepausen beim Tee durch. Naja, last but not least, den Trost zum Jahresende brachte dann doch noch Jens Spahn. Danke, danke für das Danke. War den Zahnärzten ja schon angekündigt, bevor es fertig war. Hat der Schreibende da Insiderwissen verbreitet, bevor Herr Spahn die Briefmarke gekauft hatte? Das verstößt gegen die DSGVO! Apropos DSGVO. War da was? Wie auch immer, ich wollte das Dankesschreiben gerne drucken lassen und es mir irgendwo hinhängen, damit ich es immer vor Augen habe. Aber leider gab es mal wieder kein Toilettenpapier zu kaufen (Das ist jetzt wirklich ein Fauxpas!). Es erinnert mich ein bisschen an die alten Zeiten, die bei der NVA, als ich wegen meines Maltalentes ausgezeichnet werden sollte und der Oberleutnant schrie: ‚Kompanie stillgestann! Genosse Klemp vortretn! Ich belobige Genosse Klemp mit einem Dank vor der versammelten Front! Genosse Klemp eintretn! Kompanie rührn!‘ Tja, liebe Kollegxxxinnxxxen (nochmal sorry, ist schon spät, hab den Stern nicht gefunden), selten so noch gelacht. Die Lage ist ernst. Sie war es schon vor Corona, hat sich letztlich nur bis zur Hoffnungslosigkeit beschleunigt. Ich bin ein lebensbejahender, energiegeladener, kreativer Mensch, einer vom alten Schlag, eigentlich unkaputtbar. Jetzt bin ich müde, warte - als Kind des Ostens eigentlich schon mit Gelassenheit - auf den großen Grabenbruch. Die Zermürbungstaktik ist gewollt, weil Widerstand erodiert und Angst diese Tendenz vervollkommnet. Ich kann das Gros der Patienten nicht in die gefühlt drei Schubladen pressen, die mir das System vorschreibt. Und ich bin es leid, mich länger rechtfertigen zu sollen als ich am Patienten arbeite, nur weil das Vertrauen in nahezu allen gesellschaftlichen Schichten zerrüttet ist und der gesunde Menschenverstand zermürbt das Handtuch schmeißt. Ich bin es leid, als einzige Richtlinie bei der Behandlung von Menschen die monetäre Effizienz anzusehen, quasi vom Homo sapiens sapiens zum Homo oeconomicus zu mutieren. Wir können zwar mit gewaltigem Apparateaufwand den Menschen bis in die Nanopartikel seines Körpers verfolgen, aber seine Seele bleibt uns in einer Zeit industrialisierter Gesundheitsversorgung mehr und mehr verschlossen. Und doch haben die alten Chinesen schon vor tausenden Jahren erkannt: Die Krankheit des Körpers ist Ausdruck dafür, dass sich die Seele nicht in Harmonie befindet. Wie steht es eigentlich um Ihre Harmonie, liebe Kolleginnen und Kollegen? Rechtfertigen Sie noch oder schwelgen Sie schon in Vorrententräumen? Erstaunlich, dass Sie bis hierhin durchgehalten haben. Kennen Sie eigentlich alles u.v.m. und hätten es ja auch mal selbst aufschreiben können. Haben Sie sich nur nicht getraut, oder?! Vielleicht hatten Sie ja schon Muffensausen, weil Ihnen wieder jemand - frustriert und/oder bezahlt - in aller Anonymität eine Null-Sterne-Bewertung in die unendlichen Weiten des Internetäthers gedrückt hat wegen Ihres allzu gekünstelten Lächelns über Ihrem CMD-geschädigten Gebiss. Machen Sie sich nichts draus. Paragraph 1 Grundgesetz (der mit der Würde...) ist ja wie das ganze Gesetz seit 70 Jahren nur ein Verfassungsprovisorium. Man hätte es 1990 aufpolieren können, aber schon mein alter Prof zu Studienzeiten hat gesagt: `Mach das Provisorium niemals so gut, dass der Patient nicht wiederkommt.` Wachen Sie endlich auf! "Fassadendemokratie und tiefer Staat" lassen grüßen (Mies/Wernicke, 2017, Promedia). Da wird es Zeit, sich auch mal vom für manch einen liebgewordenen konventionell- elitären Gehabe zu verabschieden und basisdemokratisch in Einheit den Aufstand zu proben. Und dabei dürfte es nicht nur um uns gehen, sondern vor allem um die Wiedergewinnung einer realitäts- und patientenbezogenen, bodenständigen Zahnheilkunde, die sich in erster Linie an den Menschen orientiert, die sich als Partner auf Augenhöhe in der Praxis begegnen. An dieser Stelle sei all denen in unseren Standesvertretungen und Praxen gedankt, die sich in ehrlicher und uneigennütziger, oft unbemerkter, weil nicht zur Schau gestellter Form auch für die alltäglichen großen und kleinen Dinge einsetzen, die persönlich für uns da sind, sich noch Verantwortung zutrauen, nicht nur Kritik, sondern auch Verständnis äußern, das Machbare riskieren, dabei manchmal den dystopischen Teil unserer Seele streicheln und wie die Mädels in unserer Praxis einen schon fast beängstigenden Optimismus ausstrahlen, um so quasi schützend die Hand über uns zu halten in den oft ermüdenden Alltagskämpfen. Danke. ZA Thomas Klemp, Grevesmühlen im April 2021