Zahnärzte im politischen Abseits – ein Memorandum
Ende März 2020. Die Krise erreicht uns. Jeder Satz in jedem Gespräch, jeder Information, in allen Nachrichten enthält das C-Wort. Angst und Panik scheinen sich überall breitzumachen. Wir sitzen in der Praxis zusammen und beraten im Team Tag für Tag neu die Situation und unsere Reaktion darauf. Bei uns gibt es keine Ohnmacht. Wir versuchen, mit Respekt und gesunder Vorsicht den Alltag zu meistern und Risiken zu minimieren. Täglich werden wir mit einer neuen Flut von Anweisungen, Richtlinien, Vorgaben überhäuft. Läse man sie alle und beschäftigte sich mit der Umsetzung, bliebe für die Behandlung keine Zeit mehr. Ansprechpartner für Fragen und Probleme versinken in der Anonymität, sowohl in den Standesvertretungen als auch der Politik. Wir sind mit allen Dingen auf uns allein gestellt und tragen die Verantwortung, für die andere von Amts wegen bezahlt werden und sich manchmal im Nachhinein ob ihrer Entscheidungen lobhudeln lassen, die uns letztlich nicht geholfen haben. Medienwirksam wird nach mehreren Wochen verkündet, Herr Spahn hätte 60 Millionen Mundschutzmasken freigegeben. Abgesehen vom Fakt, dass dies nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, erreicht uns Zahnärzte keine einzige Maske. Auch in den Folgewochen warten wir vergeblich auf Masken, Schutzanzüge, Desinfektionsmittel. Alle amtlichen Anweisungen wären unter diesen Bedingungen hinfällig, hätten wir nicht ohnehin schon immer eine gewisse Bevorratung betrieben, die uns letztlich für viele Wochen den A… rettet. Die Preise für die täglich benötigten Schutzmittel verfünf-, verzehnfachen sich zwischenzeitlich. Mit großer Mühe und eigentlich nicht zuständig, organisiert die Kassenzahnärztliche Vereinigung M-V ein begrenztes Kontingent an Masken. Für fünf Stück fahren Kollegen nach Schwerin, um im Verdachtsfalle Hoffnung auf wenigstens begrenzten Schutz zu haben. Bei der Übergabe wird ihnen Unterschrift abverlangt, darüber belehrt worden zu sein, dass die übergebenen Exemplare keinen Schutz im medizinischen Sinne darstellen… Unsere Praxismädels stehen uns mit einem schon fast beängstigenden Optimismus bei und normalisieren den Praxisalltag soweit es geht. Trotzdem gehören sie nicht zur „systemrelevanten“ Versorgungsgruppe, können ihre Kids nicht in eine Notfallbetreuung geben und müssen sich nebenbei um deren Fürsorge durch Verwandte bemühen. Uns erreichen Nachrichten, dass in vielen Praxen die Umsätze um 50 bis 80 Prozent zusammenbrechen. Da mittlerweile der Volksmund mag es nicht glauben im ländlichen Gebiet auch viele zahnärztliche Praxen finanziell mit dem Rücken zur Wand stehen, gefährdet das die Versorgungsstruktur. Trotzdem verweigern einige Arbeitsämter zunächst Anträge auf Kurzarbeit. Wir sind froh, etabliert und weitestgehend unabhängig zu sein, aber für die jungen Kollegen, die sich trotz des gefühlt seit Jahren politisch bewusst stimulierten Niedergangs landärztlicher Versorgung bei eigener Niederlassung mit hohen Kreditverpflichtungen belastet haben, könnte es eng werden. Ohnehin kann seit langer Zeit die Anzahl der Neuniederlassungen nicht mehr die wegbrechende Anzahl an Praxisschließungen auffangen. Im Kreis Nordwestmecklenburg ist der zahnärztliche Versorgungsgrad innerhalb von zehn Jahren von 94 auf 79,8 Prozent geschrumpft. Und selbst diese Zahlen sind, freundlich umschrieben, geschönt. Der statistische Wert orientiert sich an den Bedingungen Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrtausends, als Bürokratie und Management noch zehn bis 20 Prozent des Arbeitsaufkommens ausmachten. Heute sind es mindestens 50. Im April dann spannt die Bundesregierung einen „Rettungsschirm“ für das Gesundheitswesen auf. Ich bin verwundert über die zahllosen Milliarden, die für die Gesamtwirtschaft plötzlich aus dem Hut gezaubert werden. War doch in den gesamten Jahren davor das Geld für alles knapp. Krankenhäuser und Arztpraxen werden zunächst unterstützt. Nur unter massivem Protest folgen Wochen später auch Physio- sowie Ergotherapeuten und Zahnärzte. Ich sehe es in der Tagesschau und mag es nicht glauben. Zwei Wochen später jedoch erreicht die Kollegenschaft ein Brandbrief der Standesvertretungen: Der Bundesfinanzminister hat die Zahnärzte wieder „exmatrikuliert“. Neben den Hebammen sind wir damit die einzige Berufsgruppe im Gesundheitswesen, die keine Unterstützung erhalten wird. Wir telefonieren mit den Kollegen. Bis auf eine berechtigt bedürftige Ausnahme hat niemand einen Antrag auf einmalige finanzielle Unterstützung für Selbstständige und Freiberufler (9000/15000€) gestellt. Im schon fast etwas pathetisch-patriotisch anmutenden Gleichklang war man sich einig, komme was da wolle, man würde versuchen, die Situation so durchzustehen, weil andere bedürftiger wären. Und doch war eine Wut zu spüren, durch die Politik wieder mal ins Abseits gestellt und letztlich besch… worden zu sein. Und die ersten Reaktionen lassen nicht lange auf sich warten: In der Zahnärztezeitschrift von M-V, „dens“, lese ich Anfang Juni, dass die Niederlassungszahlen innerhalb von drei Monaten in neun von achtzehn Zulassungsbezirken in M-V um bis zu 12,8 Prozent (Müritzkreis; Uecker-Randow: 10,3%, Rügen: 7,2%) geschrumpft sind. In sechzehn Städten und Bereichen in M-V suchen Zahnärzte mittlerweile Nachfolger, die nur noch schwer oder gar nicht mehr zu finden sind. Viele ältere Kollegen, die bisher aus Berufsethos und in Verbundenheit mit ihren Patienten auch über das Renteneintrittsalter hinaus gearbeitet haben, schlossen ihre Praxen in der Krise für immer, auch, weil sie sich mit den immer erdrückenderen Bedingungen nicht mehr auseinandersetzen wollten und konnten. Diese Entwicklung ist bedrückend und leider auch nur ein Zeichen von vielen gleichgearteten in unserer Gesellschaft. Ich mache mir Sorgen, ich habe keine Angst, nicht mehr. Wir werden unsere Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen fortsetzen, für unsere Patienten nach unseren Kräften da sein. Aber wir können nicht mehr alle retten - wir sind nicht Gott. Und ehrlich gesagt, ich möchte es in diesen Zeiten auch nicht sein. Der Herr ist wirklich nicht zu beneiden… Thomas Klemp, Juni 2020