Buchempfehlung Buchempfehlung
Bildquelle: Stephan Roehl - https://www.flickr.com/photos/44112235@N04/35322195393, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=71373955
Die Wirtschaft in Ordnung zu bringen, ist nur ein Teil des Problems. Dringend muss auch die gesellschaftliche Logik des Konsumismus angegangen werden. Das ist gar nicht so einfach - schließlich sind die materiellen Güter sehr fest in die Textur unseres Lebens eingewoben. Wohlstand hat nicht die gleiche Bedeutung wie materieller Reichtum. Für Wohlstand braucht man mehr als nur die Versorgung mit materiellen Dingen für den Lebensunterhalt. Wohlstand beruht auf der Möglichkeit zu gedeihen - physisch, psychisch und sozial. Über den reinen Lebensunterhalt hinaus hängt der Wohlstand ganz wesentlich von der Möglichkeit ab, sinnvoll am Leben der Gesellschaft teilzunehmen. Diese Aufgabe hat neben einer materiellen auch eine soziale und eine psychologische Seite. Es gibt die reizvolle Vorstellung, man könne sich, sind die materiellen Bedürfnisse erst einmal befriedigt, von den materiellen Dingen lösen. Dieser Idee steht aber eine ebenso einfache wie wichtige Tatsache entgegen. Die materiellen Güter liefern uns eine wirkmächtige Sprache, mit deren Hilfe wir über das kommunizieren, was uns wichtig ist: Familie, Identität, Freundschaft, Gemeinschaft, Sinn des Lebens. Hier stoßen wir auf ein Rätsel. Wenn es wirklich darum geht, Teil der Gesellschaft zu sein, und wenn materielle Güter uns eine Sprache zur Verfügung stellen, die uns dies ermöglicht, dann müsste es doch in den reicheren Gesellschaften mehr aktive Teilnahme am öffentlichen Leben geben. Tatsächlich scheint aber das Gegenteil der Fall zu sein. Robert Putnams bahnbrechendes Werk Bowling Alone lieferte umfangreiches Anschauungsmaterial über den Zusammenbruch des Gemeinschaftssinns überall in den USA. Die westlichen Gesellschaften scheinen sich insgesamt im Griff einer »sozialen Rezession« zu befinden. Darüber ist man sich quer durch das politische Spektrum überraschend einig. Jonathan Rutherford zum Beispiel, ein Publizist aus dem linken Lager, weist auf steigende Zahlen bei Angst und klinischer Depression hin, auf verstärkten Alkoholismus, Komatrinken sowie den Niedergang der Arbeitsmoral. Jesse Norman, von der politischen Rechten, prangert den Zerfall des Gemeinschaftsgefühls an, den Vertrauensverlust überall in der Gesellschaft sowie die zunehmende politische Apathie. Zu den Gründen für die soziale Rezession machen beide Autoren unterschiedliche Angaben. Rutherford sieht die Hauptschuld in der zunehmenden Kommerzialisierung öffentlicher Güter und der wachsenden sozialen Ungleichheit, die durch den Kapitalismus hervorgebracht werde. für Norman liegt die Schuld im erdrückenden Einfluss, den ein übermächtiger Staat auf das Leben der Menschen habe. Ihre jeweiligen Lösungsvorschläge sind entsprechend verschieden. Darüber, dass wir eine soziale Rezession durchleben, gibt es jedoch kaum Differenzen. Das Ausmaß des Phänomens unterscheidet sich sicher von Land zu Land. Dies wird durch Daten zum gesellschaftlichen Wohl, die aus dem European Social Survey stammen, veranschaulicht. Die Abbildung auf der nächsten Seite zeigt die unterschiedlichen Grade von Vertrauen und Zugehörigkeit, wie sie Befragte in 22 europäischen Ländern erleben. Die Länder mit den höchsten Werten (zum Beispiel Norwegen) weisen einen erheblich höheren Grad an Vertrauen und Zugehörigkeitsgefühl auf als diejenigen mit den niedrigeren Werten (zum Beispiel Großbritannien)… Einem der Autoren zufolge waren »1971 selbst die schwächsten Gemeinschaften noch stärker als irgendeine Gemeinschaft heute«… Ein Leben ohne Scham Interessanterweise kam Amartya Sen in seinem Frühwerk über den Lebensstandard diesem Rätsel sehr nah. Er führt dort aus, die materiellen Erfordernisse fürs physische Gedeihen seien in allen Gesellschaften recht ähnlich, denn schließlich funktioniere der menschliche Stoffwechsel überall ziemlich gleich. Sen behauptete jedoch, dass sich die materiellen Voraussetzungen für soziale und psychische Fähigkeiten je nach Gesellschaft beträchtlich unterschieden. Seine Argumentation greift Adam Smiths Erkenntnis über die Bedeutung der Scham im gesellschaftlichen Leben auf. So schrieb Smith in Der Wohlstand der Nationen: »Ein leinenes Hemd z. B. ist streng genommen kein unentbehrliches Lebensbedürfnis ... Aber heutzutage würde fast in allen europäischen Ländern ein anständiger Tagelöhner sich schämen, öffentlich ohne ein leinenes Hemd zu erscheinen, dessen Mangel jenen schimpflichen Grad von Armut bezeichnet, zu dem, wie man annimmt, niemand ohne den schlechtesten Lebenswandel herabsinken kann.« Sen weitet diesen Gedanken auf eine breitere Warenauswahl und ein tieferes Verständnis vom guten Leben aus. So schrieb er, »ein Leben ohne Scham, ... Freunde besuchen und einladen zu können, auf dem Laufenden bleiben über das, was geschieht und worüber die anderen reden, und so weiter, dies alles erfordert in einer Gesellschaft, die insgesamt reicher ist und in der die meisten Leute bereits etwa über Fahrzeuge, Kleidung im Überfluss, über Radios oder Fernseher und so weiter verfügen, ein aufwendigeres Paket an Gütern und Dienstleistungen «. Es kann also, meint er, »das gleiche absolute Niveau an Fähigkeiten, relativ gesehen, höhere Einkommen (und Warenmengen) voraussetzen«. Wenn wir für den Augenblick einmal beiseite lassen, dass höhere Einkommen zum Teil für weniger Gedeihen verantwortlich sind, fällt hier doch ein Umstand ganz besonders auf. Wenn wir die Bedeutung materieller Güter für gesellschaftliche Fähigkeiten als gegeben annehmen, dann wird es nie einen Punkt geben, an dem wir sagen können: Genug ist genug… Und das Vermeiden von Scham - ein wichtiges Kennzeichen sozialen Gedeihens - wird die materielle Nachfrage gnadenlos antreiben. Im Grunde ist dies eine neue Sicht auf die untersuchte gesellschaftliche Logik. Es ist aber auch noch klarer geworden, wie die soziale Falle funktioniert. Auf der individuellen Ebene ist es durchaus sinnvoll, Scham zu vermeiden. Es ist Voraussetzung für soziales und psychisches Gedeihen. Der Mechanismus allerdings, mit dem Scham in der Konsumgesellschaft vermieden wird, wirkt in die vollkommen falsche Richtung. Auf der gesellschaftlichen Ebene kann das nur zu Fragmentierung und Werteverlust führen und untergräbt eben damit auch die besten Absichten des Einzelnen. Man kann sich des Verdachts nicht erwehren, dass die Sprache der Güter nicht das leistet, was man von ihr erwartet. Am Ende bleibt nichts als ein unwürdiges Gerangel um einen Platz möglichst weit oben auf der Leiter. Innerhalb des herrschenden Paradigmas gibt es aus dieser gesellschaftlichen Falle keinen Ausweg. Das ist Anlass zu großer Sorge. Solange der soziale Fortschritt von dem sich selbst verstärkenden Kreislauf von Neuheit und Angst abhängt, kann sich das Problem nur noch verschärfen. Der materielle Verbrauch wird unweigerlich zunehmen. Und die Aussichten, innerhalb ökologischer Grenzen zu gedeihen, lösen sich in Luft auf. Der Wohlstand selbst - in jeder vernünftigen Bedeutung des Wortes - ist bedroht, und das nicht durch die aktuelle Rezession, sondern weil der Materialismus endlos wächst und unser Wirtschaftsmodell dies für alle Zukunft festschreibt. Alternativer Hedonismus Wandel tut not. Es gibt auch bereits ein gewisses Mandat für den Wandel. Quer durch alle Parteien macht man sich Sorgen wegen der sozialen Rezession und ist durch Erkenntnisse wie die aus der Sheffield-Studie beunruhigt. Politiker bemühen sich um Lösungen. Kleinere, von Bürgergemeinschaften oder kommunalen Behörden geleitete Initiativen, die sich gegen die schädlichen Auswirkungen der sozialen Rezession wenden, entstehen vielerorts von unten. Die Philosophin Kate Soper stellt eine wachsende Lust auf einen »alternativen Hedonismus« fest, auf Quellen der Befriedigung außerhalb des konventionellen Marktes. Sie beschreibt eine weitverbreitete Ernüchterung vom modernen Leben - was sie als eine »Gefühlsstruktur« bezeichnet -, dass die Konsumgesellschaft sozusagen einen kritischen Punkt überschritten hat, an dem der Materialismus damit beginnt, aktiv das menschliche Wohl zu beeinträchtigen. Während wir dem Kreislauf von Arbeiten und Geldausgeben zu entkommen suchen, leiden wir unter »Überdruss am Müll und Chaos des modernen Lebens« und sehnen uns nach bestimmten Formen von Zwischenmenschlichkeit, die in neuerer Zeit verschwunden sind. Soper zufolge würden wir Eingriffe begrüßen, durch die das Gleichgewicht wiederhergestellt würde. Der Übergang zu einem alternativen Hedonismus würde zu einem ökologisch nachhaltigeren Lebensstil führen, der uns auch mehr Befriedigung verschaffen und uns glücklicher machen würde. Einige statistische Erkenntnisse untermauern diese Position. Der Psychologe Tim Kasser hat auf den, wie er es nennt, hohen Preis des Materialismus hingewiesen. Materialistische Werte wie Beliebtheit, Image und finanzieller Erfolg stehen psychologisch gesehen gegen die »inneren« Werte wie Selbstakzeptanz, Beziehung, Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Letztere Werte sind aber gerade die, die zum Wohlbefinden beitragen. Sie sind die Bausteine des Wohlstands. Kassers Erkenntnisse sind beeindruckend. Menschen, die sich stärker an diesen inneren Werten orientieren, sind glücklicher und empfinden zugleich mehr Verantwortung für die Umwelt als Menschen mit materialistischen Werten. Dieser Befund ist außergewöhnlich. Er deutet darauf hin, dass ein weniger materialistisches Leben sozusagen eine doppelte oder dreifache Dividende abwirft. Die Menschen sind glücklicher und führen ein nachhaltigeres Leben, wenn sie innere Ziele bevorzugen und damit in Familie und Gemeinschaft eingebunden sind. Wenn man diesem Befund Glauben schenkt, ist ein gutes Leben innerhalb ökologischer Grenzen möglich. Diese Möglichkeit wurde in modernen Gesellschaften bereits bis zu einem bestimmten Grad erprobt. Gegen die Flut des Konsumismus gibt es Widerstand; es gibt Menschen, die der Aufforderung, »shoppen zu gehen«, eine Absage erteilt haben und stattdessen ihre Zeit lieber weniger materialistischen Beschäftigungen widmen (zum Beispiel Gärtnern, Wandern, Musik oder Lesen) oder sich um andere kümmern. Einige (nach einer neueren Studie bis zu einem Viertel der Befragten) haben sogar ein niedrigeres Einkommen hingenommen, damit sie solche Ziele verfolgen können. Über diese stille Revolution hinaus hat es auch eine Reihe grundsätzlicher Versuche gegeben, ein einfacheres und nachhaltigeres Leben zu führen. »Freiwillige Einfachheit« stellt gewissermaßen eine ganze Lebensphilosophie dar. Sie bezieht sich in weiten Teilen auf die Lehren Mahatma Gandhis, der die Menschen dazu aufgerufen hat, »einfach zu leben, damit andere überhaupt leben können«. Im Jahr 1936 hat ein Schüler Gandhis freiwillige Einfachheit beschrieben als »das Vermeiden überflüssiger äußerlicher Ablenkung« und als »die bewusste Organisation des Lebens auf eine Bestimmung hin«.
Aus dem Inhalt zitiert…
Wir müssen in der Gesellschaft wieder ein Gefühl für den tieferen Sinn des Lebens wecken. Dass so viele Menschen in ihrem Leben unglücklich sind, sollte uns Hinweis dafür sein, dass Erfolg alleine nicht reicht. Es ist seltsam, aber der materielle Erfolg hat uns in den seelischen und moralischen Bankrott geführt. Ben Okri, Oktober 2008 Tim Jackson, ein 1957 geborener, renommierter britischer Natur- und Wirtschaftswissenschaftler, beschreibt in seinem Buch „Wohlstand ohne Wachstum“ Auswüchse und Grenzen des auf stetigem Wachstum beruhenden kapitalistischem Wirtschaftssystems. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, stellt er dezidiert und fundiert unsere Art des Lebens in einer Welt endlicher Ressourcen in Frage und zeigt, wie ein einzig auf Wachstum, Profit und Konsum ausgerichtetes System die Grundlagen jeglicher Menschlichkeit und damit die Menschen selbst zerstört. Er verknüpft dabei ökonomische Prozesse auch mit ökologischen Aspekten ohne selbst ein Patentrezept als Weg aus der Krise präsentieren zu können. Und trotzdem gewinnt der Leser einen Eindruck von und Einsicht in Lösungsmöglichkeiten aus dem Dilemma mit kritischem Blick auf die manchmal lieb gewordenen kleinen täglichen Herausforderungen durch: Hinterfragung, Verzicht, Verteilung, Bodenständigkeit, Vertrauen, Empathie und sehr viele andere Faktoren. Für den etwas anspruchsvolleren Leser geschrieben, wird man spätestens hier im Nachhinein nicht mehr mit dem Finger zuerst auf andere zeigen, sondern in den vielen kleinen Dingen des Alltags selbst anfangen, Veränderungen umzusetzen. Und nur so kann es funktionieren. oekom verlag, ISBN 978-3865814142 - Kommentar Thomas Klemp 2019 -