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Auf Einladung in unserer Praxis: Harry Glawe - Minister für Wirtschaft, Arbeit und Gesundheit, 12-17 + Update 5-18 DAK erhöht massiv Kontrolldruck + Update 11-18 Über die Situation der (Zahn-)Ärzte in unserem Bundesland - Ein Leserbrief an die OZ, 3-17 Zunahme von Verbalattacken und Drohungen gegen (Zahn)Ärzte wegen wachsendem Versorgungsnotstand, 12-18 Brief an die Zeitschrift `dens` - Mitteilungsblatt der Zahnärztekammer und Kassenzahnärztlichen Vereinigung M-V, 5-18 Burn-out als Massenphänomen weltweit bei Ärzten
Keinen Bock mehr auf DAK - Kasse erhöht massiv Kontrolldruck Seit mehreren Jahren überrollt die DAK nicht nur unsere, sondern ein Gros der Zahnarztpraxen in M-V mit Gutachten und Wirtschaftlichkeitsprüfungen sowie Regressforderungen in Höhe von mehreren Tausend Euro. Vorrangig geht es dabei um bereits von der Krankenkasse genehmigte Parodontal(Zahn- fleisch)therapien, die durchgeführt wurden. Fadenscheiniger Hintergrund ist das angebliche Nichtvorliegen aktueller Röntgenbilder, die im Regelfall nicht älter als sechs Monate sein sollen dürfen. Ist das Bild z.B. sieben, neun Monate oder ein Jahr alt, ist das für die Kasse Rechtfertigung für die Rückforderung aller Behandlungskosten. Dabei wird nicht Rücksicht genommen, ob bereits eine Abfolge von Bildern über Jahre vorliegt, der Patient seit langer Zeit bekannt ist oder eine neue Strahlenbelastung aus Sicht des Zahnarztes überhaupt gerechtfertigt ist. Geprüft werden im Detail ebenfalls die gesamte Vorbehandlung und Dokumentation bis hin zu Aussagen, welche Zahnpaste und welche Zahnbürste jedem einzelnen Patienten empfohlen wurden. Sämtlicher Inhalt, jedes noch so kleine Detail muss zwingend niedergeschrieben werden. Dabei darf es bei den unterschiedlichen Patienten keine im Wortlaut gleiche Dokumentation geben. Zusätzlich werden von der Kasse und den Prüfgremien Vorbehandlungen erwartet, deren Kosten von der Kasse selbst nicht übernommen werden. Gerade die DAK hat über einen sehr langen Zeitraum ihren Versicherten diesbezügliche prophylaktische Maßnahmen vorenthalten und sie als von den Zahnärzten aufgedrängte, nutzlose Behandlung bezeichnet. Die DAK pervertiert die Prüfmaßnahmen in bis dahin ungekannter Dimension wegen des Verlustes von mehreren Hunderttausend Mitgliedern durch Höchst- und Zusatzbeiträge. Wir sind nicht mehr gewillt, diese Entwicklung hinzunehmen. Unsere Therapiefreiheit wird deutlich infrage gestellt. Der Dokumentationszwang erfordert mittlerweile auf vielen Ebenen mehr Zeit als die eigentliche Behandlung. Therapien müssen oft mehrfach begründet werden. Zugleich erwartet man ein universitäres Behandlungsniveau, das so in der Realität nicht mehr praktizierbar ist. Der Nordwestkreis leidet seit vielen Jahren an nicht nur zahnärztlicher Unterversorgung. Das liegt zum einen daran, dass junge (zahn)medizinische Absolventen abwandern, und ist zum anderen dadurch begründet, dass Bestandspraxen mit einer Fülle von therapiefremden und unternehmerischen Vorschriften immer mehr überfordert sind. Viele Menschen finden im Alltag keine adäquaten Behandler mehr. Auch wir müssen Hilfesuchende vermehrt abweisen und sind trotz unseres Bemühens in zunehmendem Maße mindestens verbalen Attacken und Drohungen durch Abgewiesene ausgesetzt, die die ohnehin ausufernden physischen und psychischen Belastungen des Alltags weiter verschärfen. Die DAK trägt einen großen Teil zu dieser Belastung bei. Auf der anderen Seite verweigern ihre Vertreter in Honorarverhandlungen selbst gesetzlich vorgeschriebene Honoraranpassungen in Höhe der Grundlohnsummenentwicklung mit der Begründung, es sei noch keine Praxis pleitegegangen. Als erste Maßnahme zum Gegensteuern haben wir ab August die offiziellen Sprechzeiten von 33 auf 22 Stunden pro Woche reduziert. Weiterhin erwägen wir die Rückgabe eines Teils unserer Kassenzulassung. Dies würde die Lage für Behandlungsersuchende deutlich verschärfen, da in unserer Praxis jede(r) Zahnarzt/Zahnärztin ca. 2000 Patienten versorgt, was dann nicht mehr realisierbar wäre. Sie als Patient(in) können uns helfen, diese Situation nicht herauszufordern, indem Sie als Versicherte Beschwerden einreichen oder ggf. sogar über einen Kassenwechsel nachdenken. Jede neue Krankenkasse wird Sie gerne empfangen und Ihren Wechsel aktiv unterstützen. Über die Situation der (Zahn-)Ärzte in unserem Bundesland Leserbrief an die Ostsee-Zeitung, ausschnittsweise veröffentlicht als Gastkommentar in der Ausgabe 04./05.03.2017, Seite 6 Junge Hausärzte braucht das Land.“ meint Herr Glawe, unser Wirtschafts- und jetzt auch Gesundheitsminister (eigentlich eine unheilige Allianz). Wir brauchen genauso dringend Fachärzte, Kinderärzte, Psychologen, bald auch Zahnärzte usw. In einer gefühlten Atmosphäre politischer Intransparenz, realitäts- und menschenferner Entscheidungen soll mit der monetären Gießkanne in Form von Boni oder Anschubfinanzierungen ein Problem (die Abwanderung von Ärzten) sporadisch befriedet werden, das eben nicht oder nicht nur mit Geld zu regeln ist und dessen eigentliche Ursache anders begründet ist: fehlende Lebens- und Arbeitsqualität, vermisste Vereinbarkeit von Familie, Beruf und ggf. gesellschaftlichem Engagement, schwindende Therapiefreiheit des Arztes. In einer gesellschaftlich, auch medial unterstützten Neid- und Trugdebatte sowie unter einer nicht mehr beherrschbaren und erdrückenden Zunahme von Vorschriften, Reglementierungen, Überwachungen ist die Balance des Arztes zwischen seiner Eigenschaft als Heilendem in ethisch-moralischer sowie als Unternehmer in wirtschaftlicher Verantwortung gebrochen. Seit langer Zeit werden wir mit einer massiv steigenden Flut von Gutachten und Wirtschaftlichkeitsprüfungen überschüttet. Diese Kontrollen umfassen z.T. weit zurückliegende Quartale oder Jahre, hunderte bis zu tausend Patienten pro Praxis in Tagesprofilen, Machbarkeitsstudien, Therapielogistik usw. Die Verfahren dauern u.U. Jahre, neue kommen inzwischen hinzu. Eine Fülle von Unterlagen sowie Stellungnahmen werden angefordert. Das Ganze schwebt dauerhaft wie ein Damoklesschwert über einem. Im ungünstigsten Falle entstehen Regressforderungen von Krankenkassen in teilweise existenzbedrohender Höhe, weil der Arzt als Mensch für Menschen entschieden hat, ungeachtet der oft einzig auf Wirtschaftlichkeit ausgerichteten Bestimmungen. Die Stringenz von Vorschriften z.B. zum Betrieb einer Zahnarztpraxis hat eklatant zugenommen. Nach dem Medizinproduktegesetz und den Hygienevorschriften wachsen Kontrollen und Dokumentationspflichten in einem völlig ausufernden Maße, oft ohne einen deutlichen praxisrelevanten Nutzen erkennen zu können. Jährlich bis fünfjährig müssen Geräte wie Behandlungsstühle, Desinfektions- und Sterilisationsgeräte, Kompressoren, Amalgam-abscheider, Laser, Röntgenanlagen u.v.m. in teilweise mehrfachen Schritten gewartet und technisch überprüft werden. Die Kosten dafür gehen, abgesehen von einem enormen zeitlichen Aufwand für Dokumentationen, in die Zehntausende Euro. In unserer Praxis sind allein zur Bewältigung dieser Aufgaben anderthalb Angestellte gebunden, die der eigentlichen Behandlung von Patienten nicht mehr zugutekommen. Zudem ist die Industrie auf viele Vorschriften nicht vorbereitet, technische Umsetzungen hinken nach. Herr Stoiber äußerte in seiner Funktion innerhalb einer EU-Kommission für Bürokratieabbau mal den Gedanken, wenn man der Schlange den Kopf abschlüge, würden ihr zwei neue Schwänze wachsen eine wahrlich treffende Formulierung. Die beschriebenen Umstände führen dazu, dass nur ca. 55% meiner zahnärztlichen Tätigkeit am Patienten stattfinden. Der Rest wird durch administrative und unternehmerischen Faktoren gefordert. Die physische und psychische Belastung von Ärzten hat allgemein deutlich zugenommen, resultierend daraus auch eigene z.T. enorme gesundheitliche Belastungen bis hin zum Burnout. In vielen Praxen verlängern sich dadurch Wartezeiten auf reguläre Termine, neue Patienten können nicht mehr aufgenommen werden und auch Schmerzpatienten werden teilweise abgewiesen, weil die Fülle an Aufgaben schlichtweg nicht mehr zu bewältigen ist. In den Medien wird wiederholt über den Missbrauch von Antibiotika berichtet. Es ist eine Crux, wenn man unter dem beschriebenen Fakt einer völligen ausgeuferten Arbeitsbelastung entscheiden soll, ob man eine Erkrankung manuell mit Zeitaufwand therapieren will oder aus Not im Einzelfalle dem Patienten ein Antibiotikum verordnet und dadurch Zeit spart. Die erste Alternative würde eine noch engmaschigere Kontrolle des Patienten erfordern… Seit Jahren verzeichnen wir zudem eine Zunahme nicht nur von Krebserkrankungen und Allergien, sondern vermehrt einen enormen Anstieg psychosomatisch indizierter Krankheitsbilder, gerade auch in der Zahnmedizin. Die Therapie solcher Probleme ist noch viel komplexer, müsste interdisziplinär und mit hohem Zeit-, weil auch Beratungsaufwand geführt werden. Diese Zeit ist schlichtweg nicht da und wird auch nicht adäquat honoriert (maximal 10 einmalig für eine Beratung, egal, ob 10, 30 oder 60 Minuten). Dabei ist eindeutig zu beobachten, dass allein die menschliche Zuwendung, das Zuhören, Verständnis und Besprechen des Krankheitsbildes zu einer Linderung der Symptome beim Schmerzpatienten führen. Obwohl wir uns um überdurchschnittlich viel Zeit für betroffene Patienten bemühen, entfacht sich ein täglicher Kampf gegen die eigentlichen Problemfelder: falsche Ernährung, gesundheitliche Vernachlässigung, eklatanter und dauerhafter Stress. In unserem Wirtschaftssystem muss man funktionieren. Deshalb kommt der Patient, dessen Körper ungehört Erschöpfungssignale teils seit Jahren sendet, oft mit der Vorstellung, man solle ihm eine Pille verschreiben, damit er ab morgen wieder funktionieren könne. Der Arzt, der solchen und ähnlichen regelrechten Therapieforderungen von Patienten widersteht, sieht sich mittlerweile nicht nur verbalen Auseinandersetzungen in seiner Praxis ausgesetzt, sondern verstärkt auch der Diskreditierung in öffentlichen Bewertungsportalen, die er dort aus datenschutzrechtlichen Gründen unwidersprochen hinnehmen muss. Die vorab auszugsweise beschriebenen sowie belegbaren Zustände sollen kein Gejammer darstellen. Sie sind Ursache für die Missstände in unserem System, in dem ein fortschreitender Mangel an Vertrauen innerhalb eines völlig überbürokratisierten Systems dazu führt, dass die ältere Ärztegeneration oft „durchhält“, weil sie über viele Jahr(zehnt)e mit Menschen und Landschaft verwachsen ist, oder sich alternativ aus dem Kassensystem verabschiedet, die junge Generation aber durch ihre Abwanderung der Entwicklung ihre Grenzen aufzeigt. Wirklich verstanden hat das die Politik noch immer nicht oder aber sie übt sich - wie in so vielen Dingen - in angestammter Vogel-Strauß-Taktik. ( Thomas Klemp ) Leserbrief an die Ostsee-Zeitung, veröffentlicht 24.10.2017, Seite 6 Der Ärztemangel wird sich weiter verschärfen. Das Geldargument allein ist es allerdings nicht. Die Arbeitszustände in den Praxen sind teilweise katastrophal. So hat z.B. die DAK nach einem massiven Mitgliederschwund durch hohe Beiträge in den letzten zwei Jahren Zahnärzte mit Wirtschaftlichkeits- und Planungsgutachten überschüttet, um das Honorar für bereits von ihr genehmigte Therapien wieder zurückzuholen. Allein aus unserer Praxis mussten teils hunderte Seiten an Kopien, Rechtfertigungen und Stellungnahmen an beauftragte Prüfstellen gesendet werden ein Arbeitsaufwand von Tagen. Gleichzeitig verweigert auch diese Krankenkasse neben anderen den Abschluss von Honorarverträgen und das rückwirkend ab 2015. Sie zahlt für vergleichbare Leistungen mittlerweile 6-10 Prozent weniger als z.B. die AOK oder einige Betriebskrankenkassen. Viele andere Probleme verstärken diese unhaltbare Situation. Wir reden immer von einem vermeintlich guten Gesundheitssystem. Technisch sind wir zwar hochgerüstet, die Menschlichkeit geht allerdings mehr und mehr verloren. Ein guter Arzt richtet seine Therapie am Menschen aus, nicht allein an Statistiken. Herr Glawe hält an letzteren fest und hat dabei Bodenhaftung sowie Realitätssinn verloren. Ich lade ihn in unsere Praxis ein, sich ein Bild vom Praxisalltag und den Bedürfnissen der Menschen vor Ort zu machen. Den einen oder anderen Rat hätte ich da für ihn schon... ( Thomas Klemp )
Vor dem Hintergrund ausufernder Probleme im Allltag von (Zahn-)Arztpraxen nahm Harry Glawe, Minister für Wirtschaft, Arbeit und Gesundheit in M-V, eine in Eigeninititative ausgesprochene Einladung in unsere Praxis an. In dem am 6. Dezember 2017 stattgefundenen, über zweistündigen Gespräch wurden Themen wie Versorgungsnotlage (lange Terminwartezeiten, Abweisung von Schmerzpatienten wegen Überlastung, Aufnahmestopp für Neupatienten etc.), völlig aus dem Ruder laufende Bürokratie, erdrückende Zunahme von Wirtschaftlichkeitsprüfungen und Regressforderungen der Krankenkassen, eklatante Kostensteigerungen durch gesetzliche Vorschriften ohne Realitätssinn und Übersicht der dafür Verantwortlichen und nach wie vor bestehende Budgetierung von Leistungen besprochen. Zur Sprache kamen ebenfalls die immer größere Datensammelwut der Kassen in Bezug auf Patienten sowie die fehlenden infrastrukturellen Voraussetzungen (lahmendes Internet) beim Ausbau der Telematikinfrastruktur, gleichfalls das große Problem des Fachkräftemangels auch im medizinischen Sektor. Auch die nach unserer Auffassung missgestaltete Förderpolitik klein- und mittelständischer Unternehmen war ein Thema. Das Treffen fand in einer bodenständigen Atmosphäre und auf Augenhöhe statt sowie unsererseits ohne Erwartungshaltung. Es diente der Information über die bestehende Situation. Da die Politik bereits über Jahre hinweg Stillstand auf vielen Gebieten praktiziert, haben etliche Praxen bereits mit deutlichen Einschränkungen der Öffnungszeiten und Aufnahmestopps für Patienten reagiert. Bedenken äußerten wir ebenfalls zum Sonderstipendium in Höhe von 15.300 für Medizinstudenten bei Verpflichtung, nach Erhalt der Approbation fünf Jahre in Mecklenburg-Vorpommern zu verbleiben. Umfragen zufolge scheuen Jungärzte die Niederlassung in eigener Praxis wegen der hohen Investitionskosten sowie des erdrückenden Management-, Verwaltungs- und Bürokratieaufwandes als Arzt und Unternehmer. Die Vorstellungen der Nachfolgegeneration liegen nicht nur in einer adäquaten Bezahlung, sondern vor allem auch in dem Wunsch nach einem Anstellungsverhältnis innerhalb eines 8-Stunden-Arbeitstages ohne Wochenend-, Schicht-, Nacht- und Notdienste mit Gewichtung auf persönliche Freiheit und Familie. Von diesen Verhältnissen ist der Alltag eines Arztes heute weit entfernt... Update   Mai   2018: Auch ca. ein halbes Jahr nach Treffen mit dem Minister ist das Ergebnis des Gesprächs gleich null. Bei keinem der angesprochenen Themen kam es zu Änderungen bzw. Erleichterungen des Praxisalltags. Selbst die am Rande erwähnte völlige Unzulänglichkeit der Internet-Datenrate - Voraussetzung für die Umsetzung der von der Politik geforderten Telematikinfrastruktur beim Austausch der Daten Praxis-Krankenkassen über die Gesundheitskarte - gab es keinerlei Abhilfe. Die Untätigkeit Verantwortlicher ordnet sich hier ein in eine Reihe hinlänglicher Erfahrungen mit der Politik. Eine von uns verfasste, zehn DIN-A4-seitige detailierte Beschreibung der Probleme des Alltages in den (Zahn-)Arztpraxen blieb nach ihrer Sendung sowohl vom gesundheitspolischen Sprecher der SPD, Herrn Prof. Karl Lauterbach, als auch vom Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) unbeantwortet. Auf ein gleiches Schreiben an Frau Dr. Merkel reagierte das Bundeskanzleramt mit der Bemerkung, man habe den Inhalt zur Kenntnis genommen und ließe ihn in die Unterrichtung der Kanzlerin einfließen...
Gesundheitsminister von M-V in unserer Praxis